
Pierre Schöll: Bruderliebe
„Warum wurde ich weggegeben?“ Diese Frage ließ den heute 34-Jährigen als Kind nicht los und sie taucht auf, wenn er zurückdenkt. Aufgewachsen in einer Pflegefamilie in Fußach erfuhr Pierre jedoch daheim viel Verständnis, wenn er an sich und der Welt zweifelte. Pierre wuchs mit vier Pflegebrüdern auf, von denen zwei zu seinen wichtigsten Perspektivengebern und innigsten Bezugspersonen werden sollten. Sein 14 Jahre älterer Bruder Alex passte als „eine Art Vaterersatz“ auf den kleinen Nachzügler auf und war für ihn da. „Er versorgte mich zudem mit philosophischem Lesestoff und legte Wert darauf, dass ich mich weiterbildete“, erzählt der gelernte Bäckermeister. „In einer sehr schwierigen Phase meines Lebens lud er mich zu sich nach Augsburg ein, nur um zu reden.“ Dieses Gespräch war laut Pierre der Auslöser für seine Weiterbildungsambitionen. „Mein Bruder meinte, ich könne mich im Selbstmitleid ergehen oder etwas unternehmen – und Geld in mich selbst und meine Ausbildung investieren. Und das tat ich dann.“
Nicht weniger richtungsweisend prägte der um 15 Jahre ältere Pflegebruder Markus seinen Werdegang. „Er hörte mir zu, wenn mich meine Vergangenheit einholte, und achtete darauf, dass ich immer gestärkt aus den Gesprächen hervorging.“ Markus habe ihn vor allem in lebenspraktischen Belangen unter seine Fittiche genommen. „Dank ihm bekam ich nach der Lehre meine Finanzen in den Griff.“ Beide Brüder hätten wesentlichen Anteil daran, wie er sich entwickelt habe und wer er heute sei, meint Pierre. Damals wie heute kann er sich auf seine Vorbilder verlassen – auch wenn neben Respekt inzwischen auch eine Spur Konkurrenz in die Beziehung spielt. „Es ist ein bisschen ein Wettkampf geworden zwischen uns in Sachen Ausbildung und Eigentum“, verrät Pierre.
Weniger Akzeptanz erfuhr der heutige Dornbirner vom sozialen Umfeld. „Als Pflegekind war es nicht einfach für mich. Das hat sich, glaube ich, aber inzwischen stark geändert.“ Immer schon sei er sehr kreativ gewesen. Zeichnen und Origami hätten ihm gutgetan. Und: Kochen und Backen. „Seit ich mit sechs Jahren in einer Backstube stand, wollte ich Bäcker werden.“ Tatsächlich landete er in seinem Traumberuf und bildete sich danach zum Meister der Lebensmitteltechnologie weiter. Heute arbeitet er als Digitalisierungsspezialist im Qualitätsmanagement in der Lebensmittelindustrie. Und auch wenn er sich’s am liebsten zuhause gemütlich macht, so lassen ihm sein berufsbegleitendes BWL-Studium, sein Faible fürs Backen, für Brettspiele und die Natur nur wenig Zeit, um Couch-Potatoe zu sein.
Im Rahmen seiner Möglichkeiten möchte Pierre selbst ein Perspektivengeber für Kinder sein, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können. „Manchmal hilft die Perspektive von jemandem, der dasselbe erlebt hat, um zu sehen, was alles möglich ist.“ Der Rat an sein jüngeres Ich: Versuche, die Vergangenheit zu verstehen, aber lebe nicht in ihr, sondern nimm sie als Motor, um deine eigenen Vorstellungen zu verwirklichen.
Steckbrief Pierre Schöll
Aufgewachsen in: Fußach
Lebt heute in: Dornbirn
Vorbild damals: „Meine Brüder – die Söhne meiner Pflegemutter“
Vorbild heute: „Nach wie vor meine Brüder. Obwohl das für mich auch ein wenig ein Wettkampf geworden ist in Sachen Ausbildung und Eigentum.“
Traumberuf als Kind: Bäcker
Beruf heute: gelernter Bäckermeister und Meister der Lebensmitteltechnologie, studiert berufsbegleitend BWL
Lieblingsplatz damals: „Riedgebiet in Fußach, Hörnle (See in Fußach), alles mit Natur, besonders Wasserstellen“
Lieblingsplatz heute: „Die gemütliche Couch zuhause oder das Kino“
Perspektivengeber: seine Brüder Alex und Markus
Als Kind bekannt für: seine „grenzwertigen Späße“
Heute bekannt für: seine Koch- und Backkünste, seine Hilfsbereitschaft, sein Faible für Brettspiele
Werden Sie zu einem:r Perspektivengeber:in unter dem Motto „Kinder vor!“
Geben Sie den Kindern Vorarlbergs die Möglichkeit, ihre Zukunft mitzugestalten. Lassen Sie Ihren Worten Taten folgen. Ganz egal, ob es eigene Ideen oder laufende Projekte des Vorarlberger Kinderdorfs sind – wir freuen uns über Ihr Engagement. Die Geschichten, die daraus entstehen, werden unter „Perspektiven“ auf „Wir KINDER VORarlbergs!“ veröffentlicht. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören!
E kinder-vor@voki.at
T +43 5574 4992-9011