
Mit 18 schon auf eigenen Beinen stehen?
Seit über 40 Jahren steht das Vorarlberger Kinderdorf ehemaligen Kinderdorfkindern mit Rückenstärkung und Beratung zur Seite. „Wir verstehen uns als Bonus-Familie“, sagt der Leiter der Ehemaligenbegleitung Erwin Kovacevic. Begleitet werden junge Erwachsene, deren Maßnahme der Kinder- und Jugendhilfe aufgrund ihrer Volljährigkeit beendet wird – unmittelbar nach dem Auszug, aber auch Jahre später. „Die Erfahrung zeigt, dass für viele Care Leaver die Unterstützung zu einem Zeitpunkt endet, an dem sie noch nicht wirklich in der Lage sind, völlig ohne Rückhalt ein eigenständiges Leben zu führen“, so Kovacevic-Gärtner.

Erwin Kovacevic und Rebecca Blattner: Die Ehemaligenbegleitung bietet Rückenstärkung für Care Leaver.
„Etwas Ähnliches wie eine Familie“
Die zur Gänze über Spenden finanzierte Ehemaligenbegleitung ist eine offene Beratungsstelle, die Care Leaver des Vorarlberger Kinderdorfs in unterschiedlichsten Lebenslagen, aber auch in Notsituationen weiterhilft. Die 23-jährige Sarah Bösch, die im Kinderdorf Kronhalde aufwuchs, ist mit ihrem „alten Zuhause“ noch heute eng verbunden. „Das Betreuungsteam von der Ehemaligenbegleitung ist zwar nicht meine echte Familie, aber schon so etwas Ähnliches – die Betreuer tun das, was auch eine Familie tun würde. Sie geben mir ein offenes Ohr, einen guten Rat und ab und zu einen warmen Kakao.“ Auch finanziell wurde Sarah bei ihrem Auszug aus der Kinderdorffamilie unterstützt. „Ich habe eine Starterwohnung vom Kinderdorf bekommen.“ Mittlerweile ist die Einzelhandelskauffrau stolz auf ihre eigenen vier Wände und ihre Selbstständigkeit.
Mehr Rückhalt nötig
Durch Starthilfen, Überbrückungskredite und Notzuwendungen werden insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene entlastet, die noch in der Ausbildung stehen und nur über ein geringes Einkommen verfügen. So kann ein Abrutschen in Isolation und Armut verhindert werden. Denn gerade Care Leaver haben auf dem Hintergrund ihrer belastenden, traumatischen Biografien geringere Chancen, auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Viel mehr Chancengleichheit für Care Leaver wünscht sich Rebecca Blattner. Seit ihrem Auszug aus dem Kinderdorf Kronhalde vor acht Jahren pflegt die 27-jährige zu ihrer ehemaligen Kinderdorfmutter nach wie vor intensiven Kontakt. Und auch bei ihrem Betreuer von der Ehemaligenbegleitung holt sie sich regelmäßig Rat und Rückenstärkung.
Starke Stimme für Care Leaver
Die Beziehungsabbrüche in ihrer Kindheit haben Rebecca maßgeblich geprägt – ebenso wie die Erfahrung, dass Zuneigung an Bedingungen geknüpft ist. Rebbecca hat nach der Abend-Matura Psychologie studiert und gerade den Bachelor geschafft. „Es läuft“, sagt sie. „Aber ich weiß, was es bedeutet, Care Leaverin zu sein. Wir dürfen uns keine Fehler erlauben, und ich hatte schon mit 16 Existenzängste.“ Heute kämpft sie mit Leidenschaft für die Rechte von jungen Menschen, die wie sie aus einer zerrütteten Familiensituation kommen. „Ich möchte eine starke Stimme sein für die vielen jungen Menschen, die wie ich nicht auf familiären Rückhalt zählen können.“

