
Wertvolle-Kinder-Vortrag: Geschlechtsinkongruenz im Kindes- und Jugendalter
„Die Eltern müssen mit ins Boot“
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität sei in der GenZ so hoch wie noch nie. Kinder mit Geschlechtsinkongruenz würden früh ein Unbehagen in Bezug auf Körper und Geschlechterrolle zeigen, im Jugendalter vermehrt Depressionen, Angststörungen, selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität auftreten – meist bedingt durch einen starken Leidensdruck in Bezug auf die unsichere Geschlechtsidentität und eine fehlende Akzeptanz im Umfeld. Denn nach wie vor gebe es für das Bunte und Abweichende oft keinen Raum. „LGBTQIA+-Jugendliche erfahren mehr Ablehnung in der Familie, Mobbing durch Peers sowie Diskriminierung in öffentlichen Räumen und auf Social Media. Auch der aktuelle Rechtsrutsch in den USA erzeugt großen Stress“, konstatierte die Zürcher Psychologin.
„Trans ist keine Krankheit“
Die Co-Leiterin der Sprechstunde für Geschlechtsinkongruenz an der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Zürich räumte zudem mit Vorurteilen auf. Transidentität sei keine Krankheit und bedeute auch nicht gleich eine Geschlechtsangleichung. „Trans heißt, dass die Geschlechtsidentität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt“, erklärte Schenker. „Man spricht erst dann von transident, wenn die Geschlechtsinkongruenz im Kindes- und Jugendalter zumindest zwei Jahre anhält. Davor geht man von einer Geschlechtsvarianz aus.“

Das Interesse am Vortrag zum Thema „Geschlechtsinkongruenz“ war groß.
Fachlichkeit und kritisches Nachfragen
Eine entwicklungsfördernde Begleitung von jungen Menschen mit Geschlechtsinkongruenz verlange ein sensibles, sehr individuelles Vorgehen hinsichtlich einer möglichen medizinischen Behandlung. „Wir sind sehr zögerlich und vorsichtig mit medizinischen Maßnahmen“, so die Expertin. „In unserer Sprechstunde wird nur ein sehr geringer Prozentsatz medizinisch, zum Beispiel hormonell, behandelt.“ Immer sei ein Mindestalter von 16 Jahren, eine Stabilität der Geschlechtsinkongruenz von mindestens zwei Jahren, ein konstant hoher Leidensdruck sowie das Einverständnis der Eltern und ein Einvernehmen im Behandlungsteam Voraussetzung. Anhand von Fallbeispielen erläuterte die Psychologin, wie viel Einfühlungsvermögen, Verständnis und Fachlichkeit nötig sind, um betroffenen Kindern, Jugendlichen und deren Familien zur Seite zu stehen und den Prozess der Reifung und Identitätsfindung gut zu begleiten.
Um und Auf: die Familie
Die Expertin öffnete auf Basis ihres reichen Wissens- und Erfahrungsschatzes den Blick für Vielfalt, für Akzeptanz und Offenheit, aber auch für genaues Hinschauen und kritisches Nachfragen. Immer sei die Identitätsfindung ein Prozess, in dem vor allem der Familie eine zentrale Rolle zukomme. „Die Eltern müssen unbedingt mit ins Boot durch Aufklärung und Unterstützung. Die Familie ist das Wichtigste überhaupt und die familiäre Akzeptanz bedeutsamer als medizinische Maßnahmen.“ In ihrer Sprechstunde ist die Expertin mit vielen Ängsten von Eltern konfrontiert. „Sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben, ob ihr Kind glücklich leben kann oder ob das alles nur eine Phase ist“, erzählte sie aus ihrer Beratungspraxis. „Die Eltern brauchen selbst Begleitung, um ihr Kind ohne Vorurteile unterstützen zu können.“ Schenker ortet hier positive Entwicklungen: „Die Unterstützung im familiären Rahmen ist um einiges besser geworden.“ Auch in den Schulen hätte sich viel getan. „Die Lehrpersonen sind oft die ersten Ansprechpersonen für die Kids. Sie sind bereit für das Thema und wesentlich aufgeklärter.“
Geschlechtsinkongruenz
im Kindes- und Jugendalter
Den ganzen Vortrag von Tanja Schenker,
lic. phil., eidg. diplomierte Psychotherapeutin,
mbA Psychologin und Co-Leitung der Sprechstunde
für Geschlechtsinkongruenz an der KJPP Zürich
und Tätigkeit in eigener Praxis, Zürich, gibt es zum Nachhören in der Mediathek des Vorarlberger Kinderdorfs:

Die Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs wird in Kooperation mit Russmedia und dem ORF Vorarlberg durchgeführt und vom Land Vorarlberg – Fachbereich Jugend und Familie – unterstützt.

