
Wertvolle Kinder-Vortrag: Keine Angst vor der Angst! Ängste im Kindes- und Jugendalter verstehen
Wenn Kinderängste zu groß werden
„Da ist viel Leiden im Stillen, bis Kinder in die Behandlung kommen“, so Professorin Tina In-Albon, die in der Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs bei Russmedia zu Gast war. Sie öffnete den Blick dafür, dass sich Angststörungen bei Kindern nicht von selbst auswachsen. „Eher im Gegenteil“, betont die Direktorin des Instituts für Kinder- und Jugendpsychotherapie der Universität Mannheim. Für gewisse Entwicklungsstufen seien Ängste wie Fremdeln, die Furcht vor dem Monster unter dem Bett oder vor der Bewertung in der Schule ganz normal und harmlos. Erst wenn Angst lange anhält, ohne objektive Bedrohung bestehen bleibt und den Alltag beeinträchtigt, spricht man von einer Angsterkrankung. Betroffen sind laut In-Albon über zehn Prozent aller Kinder. Damit gelten Angststörungen wie Trennungsangst, soziale Ängste oder Panikattacken als häufigste psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter.
Ängste als Schrittmacher
„Mittlerweile ist belegt, dass eine solche Erkrankung von allein nicht wieder weggeht“, erklärt In-Albon. „Bleiben sie unbehandelt, sind Angststörungen Schrittmacher für andere psychische Erkrankungen.“ Im Alltag äußere sich eine Angststörung bei Kindern durch Vermeidungsverhalten, Unsichtbar-Machen, durch Rückzug oder ständige Rückversicherungen. Anhand von Fallbeispielen aus ihrer Praxis verdeutlichte die Expertin, wann Ängste ein ungesundes Ausmaß annehmen und man Hilfe in Anspruch nehmen sollte. Der achtjährige Julian hat Schwierigkeiten, sich von den Eltern zu trennen, wenn er morgens in die Schule muss. Die Trennungsangst führt bei ihm bis zum Erbrechen. Lena (9) hat so starke Angst vor Gewittern, dass ihre Sozialkontakte massiv darunter leiden. Sie meidet Spielen oder Kindergeburtstage im Freien. Sven zieht sich ständig zurück. Obwohl eigentlich alles in Ordnung ist, lassen ihn seine Sorgen nicht los – und oft nicht schlafen. Die generalisierte Angststörung des Elfjährigen stresst ihn selbst und seine Familie. Laura (6) spricht weder mit ihrer Erzieherin noch mit ihren Nachbarn, während sie sich zuhause „ganz normal“ mit ihrer Familie unterhält. Ihre Angststörung wird als selektiver Mutismus bezeichnet.

Das Interesse am Vortrag zum Thema Kinderängste war riesengroß.
Hoher Leidensdruck
Immer gehen Angststörungen mit einem hohen Leidensdruck bei den betroffenen Kindern und Familien einher. Eine einzige Ursache gebe es nicht, hält die Psychotherapeutin fest. Für die Entstehung sind viele Komponenten ausschlaggebend wie das Temperament des Kindes, der Erziehungsstil der Eltern oder ein negatives Erlebnis. „Es liegt noch im Dunkeln, welche Ursachen letztlich ausschlaggebend sind und wie sie zusammenhängen“, so In-Albon.
Was hilft
Sicher ist jedoch, dass therapeutische Maßnahmen wie kognitive Verhaltenstherapie notwendig sind. „Man kann lernen, mit der Angst umzugehen. Vor der Angst wegzulaufen, macht sie umso größer. Es ist wichtig, auf die Angst zuzugehen – Schritt für Schritt.“ Wie wir Kinder dabei unterstützen können? „Indem wir ihnen das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind, sie in ihrer Selbstwirksamkeit stärken und sie ermutigen, in kleinen Schritten der Angst entgegenzutreten – und das immer wieder zu üben“, sagt die Psychologin. Für uns Erwachsene gilt, ein gutes Vorbild zu sein, eine positive Denkweise zu entwickeln und zu lernen, mit sich selbst nicht zu streng zu sein.
Keine Angst vor der Angst! Ängste im Kindes- und Jugendalter verstehen
Den ganzen Vortrag von Prof. Dr. Tina In-Albon,
Leitung des Instituts für Kinder- und Jugendpsychotherapie und der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz
für Kinder und Jugendliche, Mannheim gibt es zum Nachhören in der Mediathek des Vorarlberger Kinderdorfs:

Unterlagen zum Vortrag:
Die Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs wird in Kooperation mit Russmedia und dem ORF Vorarlberg durchgeführt und vom Land Vorarlberg – Fachbereich Jugend und Familie – unterstützt.

