
Wertvolle-Kinder-Vortrag: Bedürfnisorientierte Erziehung
Bedürfnisgerechte Erziehung – was ist dran am Hype?
„Noch nie war der Druck so hoch, das Projekt Baby perfekt zu managen“, sagt Fabienne Becker-Stoll. Die Entwicklungspsychologin war in der renommierten Vortragsreihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs zu Gast. In ihrem Vortrag nahm sie den regelrechten Hype um die „bedürfnisgerechte Erziehung“ unter die Lupe. „Auf Social Media wird die Unsicherheit der Eltern gnadenlos ausgenutzt. Soziale Medien werden zu Normgebern und Momfluencerinnen zu Erziehungscoaches, die unter dem Hashtag ,bedürfnisgerecht‘ ein idealisiertes Bild von Elternschaft verkaufen“, so die Leiterin des Instituts für Frühpädagogik in Bayern.
Stress killt Feinfühligkeit
Dabei hätten die digitalen Heile-Welt-Bilder mit den realen Herausforderungen an Eltern heute nur wenig zu tun. Ganz im Gegenteil, warnt die Expertin. Eine falsch verstandene Bedürfnisorientierung führe zu Überforderung, Frust und Erschöpfung. Als Beispiel nennt Fabienne Becker-Stoll, dass ein Kind keine negativen Emotionen haben darf. Auch wenn Langzeit-Stillen oder Bonding nach der Geburt zum Dogma werden, resultiere daraus Stress. „Und Stress ist der größte Killer elterlicher Feinfühligkeit“, betont die Koryphäe auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie.

Das Interesse am Vortrag zum Thema „Bedürfnisorientierte Erziehung“ war riesengroß.
„Satt und sauber“ reicht nicht
Fabienne Becker-Stoll begann ihren Vortrag deshalb damit, was Kinder tatsächlich brauchen, um sich gut zu entwickeln. Neben der Befriedigung körperlicher Grundbedürfnisse sei vor allem emotionale Sicherheit für die gesunde Entwicklung des Babys ausschlaggebend. „Man sieht einem Kind schon mit vier Monaten an, ob es Zuwendung und Ansprache bekommt“, so Fabienne Becker-Stoll. „,Satt und sauber‘ reicht von Anfang an nicht aus. Kinder sind existenziell von Bindungspersonen abhängig“, erklärte die Expertin. „Sie brauchen Nähe und feinfühlige Unterstützung, um zu lernen, ihre Gefühle zu regulieren.“
Eltern sind die CEOs
Das Baby schreien zu lassen, sei nie eine gute Idee und: „Der richtige Augenblick, ein Kind zu trösten, ist immer jetzt“, so Becker-Stoll, die in ihrem Vortrag auch nicht mit Fehlern aus ihrem eigenen Mama-Sein hinterm Berg hielt. „Ich muss gestehen, ich habe viel geschimpft und geschrien, als meine Kinder klein waren“, so die Psychologin. Eltern seien als CEOs der Familie in der Verantwortung. „Sie sind immer größer, stärker, klüger und müssen sich der Liebe ihrer Kinder für würdig erweisen“, sagte Becker-Stoll. „Das Tolle ist, dass man feinfühliges, bedürfnisgerechtes Erziehungsverhalten zu jedem Zeitpunkt lernen und trainieren kann.“
Bedürfnisorientierte Erziehung
Den ganzen Vortrag von Prof.in Dr.in phil. Fabienne
Becker-Stoll, Diplom-Psychologin, LMU & Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik und Medienkompetenz (IFP), München, gibt es zum Nachhören in der Mediathek des Vorarlberger Kinderdorfs:

Die Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs wird in Kooperation mit Russmedia und dem ORF Vorarlberg durchgeführt und vom Land Vorarlberg – Fachbereich Jugend und Familie – unterstützt.

