
Wertvolle-Kinder-Vortrag: Unsichtbare Wunden: Emotionale Vernachlässigung und psychische Misshandlung von Kindern
Die unsichtbaren Wunden emotionaler Vernachlässigung
Was macht es mit Kindern, in einem Klima aufzuwachsen, in dem sie sich ungeliebt fühlen, von ihren Eltern nicht akzeptiert, gedemütigt und abgewertet werden? Wo Schimpfen, Drohen und Zynismus an der Tagesordnung stehen? Um psychische Gewalt und emotionale Vernachlässigung drehte sich der letzte „Wertvolle Kinder“-Vortrag des Vorarlberger Kinderdorfs vor der Sommerpause.
„Psychische Gewalt mindestens so schlimm wie körperliche"
Prof. Miriam Rassenhofer machte eindrücklich klar, dass emotionale Vernachlässigung und Misshandlung mindestens so schädigend wirken wie körperliche Gewalt – auch wenn die hinterlassenen Wunden unsichtbar sind. „Es sitzt tief in uns, dass wir denken, die körperliche Gewalt ist die schlimmste“, erklärte die Psychologin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Leitende Psychologin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm. „Immer noch höre ich: Das Kind wird ja nicht geschlagen, es ist eh nicht so schlimm.“ Dabei würden neueste Untersuchungen darauf hinweisen, dass psychische Gewalt sogar noch schädigender wirkt als körperliche Misshandlung.
„Nur aufs Handy schauen ist Vernachlässigung“
Rassenhofer differenzierte in ihrem Vortrag die Begriffe „Vernachlässigung“ und „psychische Misshandlung“. „Vernachlässigung bedeutet unterlassene Fürsorge und Aufsicht. Den Kindern fehlt es an Kleidung, Nahrung, Schutz und medizinischer Behandlung“, so die Expertin. Aber auch keine Bücher, kein Vorlesen und fehlende Lernerfahrungen gelten als Vernachlässigung. „Das Kind wird links liegen gelassen, nicht getröstet, erfährt keine Zuwendung und Wärme“, so Rassenhofer. „Häufig ist das bei depressiven Bindungspersonen so.“ Aber auch Eltern, die die ganze Zeit aufs Handy schauen und ihre Kinder ignorieren, vernachlässigen laut Rassenhofer ihren Nachwuchs.
Verbale Verletzung
Verletzende Worte wie „Ich wünschte, du wärst tot“ gelten als psychische Misshandlung. „Das Kind wird verbal bedroht, lebt in einem Umfeld ständiger Abwertung, wird isoliert und terrorisiert, bis es sich als Nichts und völlig wertlos fühlt“, führte Rassenhofer im voll besetzten ORF Publikumsstudio in Dornbirn aus. Rassenhofer verwies auf ein hohes Dunkelfeld und zitierte aus Studien, in denen 31 Prozent der Befragten bejahen, zumindest eine mäßige Form der Misshandlung in ihrer Kindheit erlebt zu haben.

Der letzte Vortrag der aktuellen Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs: Großer Andrang und Mucksmäuschenstille im ORF Landesstudio in Dornbirn.
Risikofaktoren für psychische Gewalt
Dennoch würde gerade Vernachlässigung nach wie vor wenig beachtet. „Dabei wissen wir heute, dass Vernachlässigung ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, das nicht nur am Rand der Gesellschaft angesiedelt ist“, betonte Rassenhofer. Sie benannte Risikofaktoren, die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einhergehen, psychische Misshandlung auszuüben oder zu erleben. Auf der Ebene der Eltern zählen dazu soziale Ängste, ein niedriges Selbstbewusstsein, hoch konflikthafte Trennungen, psychische Erkrankungen und eigene Misshandlungserfahrungen.
Gravierende Folgen, aber kein Determinismus
Kinder mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen, aggressivem Verhalten und Verhaltensstörungen haben ein erhöhtes Risiko, Opfer von psychischer Gewalt zu werden. Die Auswirkungen sind gravierend: niedrigere Intelligenz, geringerer Schulerfolg, mehr Förderbedarf, weniger handwerkliche Geschicklichkeit, weniger Resilienz und eine höhere Wahrscheinlichkeit für Asthma, Übergewicht, Rauchen und Fehlgeburten. Kinder, die vernachlässigt wurden, kommen weniger gut mit Schwierigkeiten klar, entwickeln auch als Erwachsene mehr Krankheiten, sind schulisch und beruflich weniger erfolgreich. Rassenhofer hielt jedoch fest, dass es Geschichten gebe, in denen die Menschen trotz solcher Erfahrungen auf einen guten Weg kommen. „Es ist kein Determinismus.“ In der Behandlung und Therapie sei es essenziell, einen sicheren Rahmen herzustellen, denn betroffene Kinder erleben Willkür, Unberechenbarkeit, Kontrollverlust. „Sie brauchen eine verlässliche Umgebung, Vertrauen, Klarheit und Transparenz – und korrigierende Beziehungserfahrungen“, erklärte die Expertin.
Wann sollten die Alarmglocken schrillen?
Aus dem interessierten Publikum im bis zum letzten Platz besetzten ORF Publikumsstudio kam die Frage: Wann sollten die Alarmglocken schrillen?. „Wenn wir erleben, dass ein Kind von den Eltern beschämt und erniedrigt wird. Wenn die Eltern immer nur hart und negativ über das Kind sprechen. Wenn das Kind isoliert wird, beispielsweise keine Spielgruppe besucht, keine Hobbys ausüben darf und keinen Kontakt zu Gleichaltrigen hat“, führte Miriam Rassenhofer aus. Sie verwies auch auf die deutsche Kinderschutz-Hotline sowie Online- und telefonische Anlaufstellen.
Unsichtbare Wunden:
Emotionale Vernachlässigung und psychische Misshandlung von Kindern
Den ganzen Vortrag von Prof.in Dr.in Miriam Rassenhofer, Psychologin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Leitende Psychologin Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Universitätsklinikum Ulm, gibt es zum Nachhören in der Mediathek des Vorarlberger Kinderdorfs:

Passend zum Thema unsere Podcastfolge mit Lutz Besser, der erklärt, was Traumatisierungen im Kopf und im Körper bewirken. Was brauchen Kinder, die durch körperliche Misshandlung, Demütigung, Vernachlässigung oder Kriegserlebnisse tiefgreifend seelisch verletzt wurden? Und was passiert, wenn wir Traumafolgen verdrängen – mit uns und den nächsten Generationen?
Die Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs wird in Kooperation mit Russmedia und dem ORF Vorarlberg durchgeführt und vom Land Vorarlberg – Fachbereich Jugend und Familie – unterstützt.

